Es gibt Orte, die sind besonders, und Orte, die sind seltsam. Und dann wiederum gibt es Orte, die sind besonders seltsam. An einem solchen Ort bin ich gelandet. Das Gebäude ist unscheinbar. Nicht schön, aber auch nicht häßlich, nicht verkommen, aber auch nicht ganz sauber, nicht uralt, aber auch nicht modern. Immer wenn ich die Lobby betrete, fällt mir der Geruch auf. Es riecht vertraut, wie die schweren Gardinen im Wohnzimmer meiner Großeltern, hinter denen ich mich als Kind immer versteckt habe.
Das Jerusalem Hostel an der Jaffa Rd. war einmal ein kleines, elegantes Hotel. Es wurde nur notdürftig renoviert, zum Glück, denn auf diese Weise hat es sich seinen Geruch bewahrt, und seine Geheimnisse. Doch letztere liegen nicht offen herum. Sie stecken zwischen den Falten der abgetretenen Läufer und hinter den vergilbten Tapeten. Sie kleben unter den abgegriffenen Treppengeländern und verstecken sich in dem dusteren Dienstbotenaufgang, im hinteren Teil des Gebäudes. Dieses Haus lockt Menschen an, die Geheimnisse lieben, und Menschen, die Geheimnisse lieben, werden in der Regel selbst von einem kleinen Geheimnis umweht.
Da wäre zum Beispiel Joseph. Er lebt in Zimmer Nr. 2 und trägt jeden Tag denselben schwarzen abgewetzten Pullover, dessen tief ins Gesicht gezogene Kapuze zu seinem Markenzeichen geworden ist. Er sitzt oft stundenlang tief gebeugt vor einem der Computer in der Lobby, als wolle er hineinkriechen. Joseph denkt schneller als er spricht, was dazu führt, dass er durch seine Sätze stolpert wie ein Hundertmeterläufer in den Zielraum. Während seiner rasenden und dann wieder stockenden Monologe schaut er einem nie in die Augen. Die linke Hand ist zur Faust geballt, und er wippt nervös auf seinen Füßen vor und zurück. Er beherrscht mehrere Sprachen fließend, weshalb er bald den Titel „Der Professor“ trägt. Es geht das Gerücht um, dass Joseph Amerikaner sei, der in einer Nacht und Nebel Aktion vor dem CIA fliehen musste.
Oder Chaim. Er lebt genau wie Joseph in Zimmer Nr. 2, und auch er trägt jeden Tag dieselben Kleider, einen mit weißer Farbe gesprenkelten Malerkittel und eine schwarze Hose. Er sieht gut aus, obwohl die Jugend seinem Gesicht bereits untreu geworden ist. Er ist groß, von kräftiger Statur und hat dunkle, leicht grau melierte Haare. Seine Augen haben die Farbe von gebrannter Creme, und hin und wieder blitzt etwas Wildes darin auf, doch es weicht sofort zurück, wie ein gebändigtes Tier. Wenn er nachdenkt, fährt er sich mit dem Zeigefinger über die Oberlippe. Seine Worte wählt er mit Bedacht, was ihm bald den Namen „Der Poet“ einbringt. Angeblich sei er ein Schriftsteller, der von einem skrupellosen Vermieter von heute auf morgen vor die Tür gesetzt wurde, und jetzt obdachlos ist. Zu allem Übel soll eine rassige, schwarzhaarige Frau ihm auch noch das Herz gebrochen haben, weshalb er jetzt nicht mehr schreiben könne.
Oder Dolores. Sie lebt in Zimmer Nr. 3 und ist eine Braut Christi. Sie redet wenig, betet viel und schnarcht laut. Oft wacht sie mitten in der Nacht auf, verschwitzt und verwirrt, und reißt ungeduldig die Druckknöpfe ihres pinkfarbenen Satinpyjamas auf. Ihre nugatbraunen Brüste landen auf der weißen Bettdecke, wo sie erschöpft liegen bleiben. Nach einigen Minuten verfällt sie in einen eigentümlichen Singsang und ruft immer wieder nach Jesus Christus, weshalb wir sie bald „Die Heilige“ nennen. Dolores ist ein gutmütiger Mensch, mit einem sanften, nach innen gewandten Blick. Doch als die Polizei das Hostel auf den Kopf stellt, auf der Suche nach einem Australier, der sich ohne Papiere hier aufhalten soll, werden ihre Augen groß und ängstlich, und sie versteckt sich stundenlang im Badezimmer.
Ich kenne keinen geheimnisvolleren Ort wie Jerusalem. Und mir sind noch nie so seltsame Menschen begegnet wie im Jerusalem Hostel an der Jaffa Rd.