Es gibt Orte, die sind besonders, und Orte, die sind seltsam. Und dann wiederum gibt es Orte, die sind besonders seltsam. An einem solchen Ort bin ich gelandet. Das Gebäude ist unscheinbar. Nicht schön, aber auch nicht häßlich, nicht verkommen, aber auch nicht ganz sauber. Immer wenn ich die Lobby betrete, fällt mir der Geruch auf. Es riecht vertraut, wie die schweren Gardinen im Wohnzimmer meiner Großeltern, hinter denen ich mich als Kind gerne versteckt habe. Weiterlesen
Archiv des Autors: Christine Deutschländer-Wolff
“Ich kann beschwören, dass es das interessanteste, irrwitzigste Land der Welt ist, auf das alle jüdischen Dramen der Bibel und alle israelischen Satiren Kishons zutreffen.”
Zitat
Angelika Schrobdorff (aus: Jerusalem war schon immer eine schwere Adresse, dtv)
Yad Vashem
Denkmal für die Kinder
Copyright: Sarah Jarvis
Schwierig zu verstehen
Ich habe noch nie so viele Maschinengewehre gesehen. In Wahrheit habe ich noch nie ein Maschinengewehr gesehen, außer in Kinofilmen und im Fernsehen. Die Tatsache, dass es hier so viele davon gibt, ist nicht weiter verwunderlich, muss der junge Staat doch nach allen Seiten seine umstrittene Existenz verteidigen oder zumindest die Muskeln spielen lassen. Was mich eher verwirrt ist der Umstand, dass die Maschinengewehre lässig über den Schultern sehr junger Männer und Frauen hängen, als würden sie von Kindesbeinen an nichts anderes mit sich herumtragen. Weiterlesen
Sinneswandel
Im Gegensatz zu dem entrückten Leben in Mea She’arim, erscheint mir das muslimische Viertel in der Altstadt wie ein üppiger Jahrmarkt. Neugierig nähere ich mich dem mächtigen Damaskus-Tor, mit seinen spitzen Zinnen, die sich stolz in den klaren, winterblauen Himmel recken. Ich komme mir seltsam geschrumpft vor, wie Alice im Wunderland, und kaum habe ich den Torbogen durchschritten, tauche ich ein in eine fremde Welt. Weiterlesen
Reise in die Vergangenheit
Ich habe die perfekte Reisebegleitung. Meine Freundin Karin kommt seit 20 Jahren immer wieder nach Israel und kennt, so scheint es mir, nicht nur jeden Stein beim Namen, sondern vor allem das verwirrende Gefüge unterschiedlichster Religionszugehörigkeiten in diesem Land. Als Erstes führt sie mich nach Mea She’arim, einem Stadtteil, der von ultraorthodoxen Immigranten aus Osteuropa errichtet wurde. Noch heute gleichen die kleinen, gedrungenen Häuser, die schmucklosen Gassen und Plätze einem schtetl aus dem vorigen Jahrhundert. Nicht einmal der zum Trocknen aufgehängten Wäsche gelingt es, dem Straßenbild etwas Farbe zu verleihen. Frömmigkeit dringt aus allen Ritzen und wabert träge durch die Straßen. Weiterlesen
Stadt des Lichts
Es ist ein guter Tag, um Deutschland den Rücken zu kehren, auch wenn es nur für eine Woche ist. In den nachtschwarzen Pfützen spiegeln sich die Lichter der Straßenlaternen und ein starker Wind fegt über das Land, als wolle er einmal gründlich sauber machen und allen Unrat mitnehmen. Es ist früh am Morgen, und ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Weiterlesen
Handgepäck bevorzugt
Grenzgänger & Bergabsteiger
Das Fazit schon mal vorneweg: Bergsteiger werde ich in diesem Leben nicht mehr. Vielleicht sollte ich sagen Bergabsteiger, denn bergauf mache ich mich eigentlich ganz gut. Doch im schroffen felsigen Gelände stellt sich sehr schnell die Frage: Wie komme ich hier bloß wieder runter?
Auf der mehrtägigen Wandertour um den Königssee im Nationalpark Berchtesgaden musste ich mich dieser Herausforderung zum Glück nur einmal stellen. Mit schlotternden Knien und leicht hyperventilierend klammerte ich mich an die, in den Fels geschlagenen Eisenstangen, und versuchte mit den Füßen Halt zu finden. Dabei tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass, im Falle eines Absturzes, ich mir wahrscheinlich „nur“ ein paar Knochen brechen würde.
Doch der kleine Nervenkitzel hat sich gelohnt. Der Nationalpark Berchtesgaden bietet einmalige Naturschauspiele. Smaragdgrüne Bergseen vor schroffen Felshängen, einsame Täler, urige Wälder und immer wieder der schwindelerregende Blick hinunter auf den Königssee.
Über die Nagelfluhkette
Unsere Sorge, nach all den Schnäpsen nicht fit zu sein für die Wanderung, war unbegründet. Am nächsten Morgen hatte sich der Nebel gelichtet, der Dunst in unseren Köpfen auch und es versprach ein wunderschöner Tag zu werden. Judith und ich packten unser Proviant ein und machten uns auf den Weg in Richtung Stuiben.
Auf der Nagelfluhkette kraxelten wir bis zum Gündleskopf. Um uns herum erhob sich ein beeindruckendes Bergpanorama und ließ uns alle paar Meter stehen bleiben und die Aussicht genießen. Nach einer kurzen Pause ging es hinunter zur Klause, nein, nicht zur nächsten Eckkneipe, sondern zu dem Flüsschen Klause. Das fröhliche Geplätscher im Ohr marschierten wir zwischen Kiefern, Farn und Wollgras wieder zurück. Acht Stunden waren wir insgesamt unterwegs. Am Abend servierte der Hüttenwirt Kässpätzle! Zum Nachtisch gabs Johannisbeer-Likör.
