Grenzgänger & Bergabsteiger

Das Fazit schon mal vorneweg: Bergsteiger werde ich in diesem Leben nicht mehr. Vielleicht sollte ich sagen Bergabsteiger, denn bergauf mache ich mich eigentlich ganz gut. Doch im schroffen felsigen Gelände stellt sich sehr schnell die Frage: Wie komme ich hier bloß wieder runter?

Auf der mehrtägigen Wandertour um den Königssee im Nationalpark Berchtesgaden musste ich mich dieser Herausforderung zum Glück nur einmal stellen. Mit schlotternden Knien und leicht hyperventilierend klammerte ich mich an die, in den Fels geschlagenen Eisenstangen, und versuchte mit den Füßen Halt zu finden. Dabei tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass, im Falle eines Absturzes, ich mir wahrscheinlich „nur“ ein paar Knochen brechen würde.

Doch der kleine Nervenkitzel hat sich gelohnt. Der Nationalpark Berchtesgaden bietet einmalige Naturschauspiele. Smaragdgrüne Bergseen vor schroffen Felshängen, einsame Täler, urige Wälder und immer wieder der schwindelerregende Blick hinunter auf den Königssee.

Über die Nagelfluhkette

Unsere Sorge, nach all den Schnäpsen nicht fit zu sein für die Wanderung, war unbegründet. Am nächsten Morgen hatte sich der Nebel gelichtet, der Dunst in unseren Köpfen auch und es versprach ein wunderschöner Tag zu werden. Judith und ich packten unser Proviant ein und machten uns auf den Weg in Richtung Stuiben.

Auf der Nagelfluhkette kraxelten wir bis zum Gündleskopf. Um uns herum erhob sich ein beeindruckendes Bergpanorama und ließ uns alle paar Meter stehen bleiben und die Aussicht genießen. Nach einer kurzen Pause ging es hinunter zur Klause, nein, nicht zur nächsten Eckkneipe, sondern zu dem Flüsschen Klause. Das fröhliche Geplätscher im Ohr marschierten wir zwischen Kiefern, Farn und Wollgras wieder zurück. Acht Stunden waren wir insgesamt unterwegs. Am Abend servierte der Hüttenwirt Kässpätzle! Zum Nachtisch gabs Johannisbeer-Likör.

Bergluft, Marillenschnaps und rassige Hasen

Warum in die Ferne schweifen – Kulturunterschiede, Verständigungsprobleme und hohe Berge gibt es nicht nur in Japan, sondern auch direkt vor der Haustür. Das durfte ich erleben, als ich mit meiner früheren Kollegin Judith zum Wandern ins Allgäu gefahren bin. Schön mit der Bahn, wie es sich gehört, und mit einer satten Stunde Verspätung sind wir um die Mittagszeit in Immenstadt eingetroffen.

Der Wanderweg schlängelte sich direkt hinter dem Bahnhof das Steigbachtal hinauf. Von den wirklich hohen Bergen war weit und breit nichts zu sehen, so tief hingen die Wolken zwischen den Gipfeln. Doch die Stimmung war gut, wir versuchten den Nebel mit der Kamera einzufangen, kehrten in einer Sennerei ein, probierten den Käse und filmten die Kühe.

Wer sich für sein Wanderwochenende ausgerechnet den Vatertag aussucht, der muss damit rechnen, eine lustige Runde betagter Herren in Lederhosen anzutreffen, die das erste Bier bereits am Vormittag eingenommen hat und mittlerweile beim Schnaps angekommen ist. So kamen wir in der Alpe Gund auf den Geschmack einer voralpenländische Hüttengaudi mit allem was dazugehört: Marillenschnaps, Quetschkomode, Löffeln (Drums, nur eben mit Besteck), Lederhosen und sehr einfallsreichen Komplimenten. Wer kann schon von sich behaupten, einmal als “rassiger Has” bezeichnet worden zu sein?

Rezept für einen perfekten Sommertag

Zubereitungszeit: ein Wochenende. Für zwei bis vier Stadtkinder

- Mindestens 2 bis 3 Stunden Autofahrt
- eine sehr ländliche Gegend
- ein Handtuch
- ein Buch
- keine Termine
- eine Zahnbürste
- den richtigen Zeitpunkt
- ein bis zwei inspirierende Menschen
- Mückenspray
- Sonnencreme

Fahren Sie mindestens zwei bis drei Stunden aus der Stadt hinaus in eine möglichst ländliche Gegend. Kommen Sie ja nicht auf die Idee, einem Reisetipp aus der GEO Saison oder der Brigitte zu folgen. Das ist nicht der Plan. Meiden Sie diese gut gemeinten, aber leider kommerziellen Ratschläge.

Am besten, Sie fahren mit dem Finger über die Landkarte und verharren bei besonders unattraktiv klingenden Namen. Zum Beispiel Ködding. Das klingt nicht gerade nach der ersten Adresse für einen Wochenend-Trip. Aber von solchen Oberflächlichkeiten sollten Sie sich nicht täuschen lassen. Ködding oder ähnliches ist für Ihre Zwecke hervorragend geeignet. Ködding ist unspektakulär und unaufgeregt. Ein kleines Dorf, dessen Bewohner abends ihr Vieh auf der Weide besuchen und sonntags in die Kirche gehen. Ködding ist umgeben von Wiesen und Feldern. Das einzige Fortbewegungsmittel sind die eigenen zwei Beine oder der Traktor.

In Ködding können Sie eines getrost tun: Vergessen Sie das sonst übliche Kulturprogramm, den Stadtbummel und überhaupt alle Aktivitäten dieser Art. Das ist nur etwas für Menschen, die nichts mit sich anfangen können. In Ködding gibt es für Sie nichts zu sehen, außer dem Blau des Himmels aus der Hängematten-Perspektive! Sie brauchen kein Mountain-Bike, kein Kanu und keine Trekking-Schuhe. Das einzige was Sie brauchen, ist ein gutes Buch und ein bis zwei entspannte Menschen.

Das klingt zunächst einfach, ist aber der schwierigste Teil der Reiseplanung. Überlegen Sie sich genau, wen Sie mitnehmen. Ihre Begleiter sollten das Nichtstun aushalten können. Sportskanonen eignen sich nicht für eine solche Unternehmung, denn das Maximum an sportlicher Aktivität, die Sie zu bieten haben, ist der Sprung in den Löschteich. Vielleicht noch ein kleiner Abendspaziergang. Die Grillen zirpen, die letzten Sonnenstrahlen kribbeln noch auf der Haut und es duftet nach Heu!

Grau macht herzlich

Auf dem Weg von Essen nach Düsseldorf lege ich einen Zwischenstopp in Duisburg ein. Schon im Bahnhof wird mir relativ schnell klar: Schön ist etwas anderes! Ich habe den Eindruck, dass sich seit den 70er Jahren nichts mehr getan hat. Die Fassaden sind brüchig und vergilbt. Die Stadt wirkt müde und ausgelaugt, wie ein alter Mann, der sich jahrzehntelang krumm gebuckelt hat. Viele Geschäfte stehen leer.

Doch auch diese Ruhrmetropole hat ihre schönen Seiten, wenn man sie ihr abgewinnen kann! Der Innenhafen hat ein Facelifting erfahren. An seiner Promenade vergesse ich beinahe die Trostlosigkeit der Fussgängerzone. Mit dem Schiff fahre ich durch den größten Binnenhafen Europas, vorbei am größten Schrottplatz Europas. Sightseeing mal anders.

An Bord lerne ich Frank kennen. Er hat drei Jahre in Duisburg gearbeitet und kehrt nun wieder nach Hamburg zurück. Zu “La Paloma ole” erzählt er mir von dem Leben in dieser trüben Stadt. Etwas später schlendern wir durch Ruhrort. In diesem Stadtteil wurden in den 80er Jahren viele Schimanski-Tatorte gedreht. Die neue Pächterin der Kneipe “Zum Anker”, Schauplatz des ersten Tatorts 1981 (Ruhrort), erzählt uns begeistert einige Anekdoten. Grau macht herzlich!